Gott schütze Amerika

Man mag mir verzeihen, ich habe bereits im Haus der Renunziation über Warren Ellis‘ Romanerstling berichtet, aber ich bin einfach ein zu großer Fan des britischen Comicautoren, als das ich nicht Werbung machen will wo ich kann.

„I opened my eyes to see the rat taking a piss in my coffee mug.“

Die Ratte, die Michael McGillis, dem Protagonisten dieses ungewöhnlichen Detektivromans, gleich im ersten Satz in den Kaffee pißt, ist das geringste seiner Probleme – aber typisch für sein (Berufs-)Leben. McGillis, der in seinem Büro wohnt, ist ein „shit magnet“; das heißt, er zieht immer die Fälle mit den richtig Perversen, Wahnsinnigen und unangenehmen Typen an. Zum Beispiel damals, als er einem untreuen Ehemann nachspionieren sollte und einen Sexkult aufspürte, der sich ganz besonderen tierischen Vergnügungen widmete: „You know what it´s like, finding eight middle-aged guys having tantric sex with ostriches?“

Eines Tages taucht jedoch der Stabschef des US-Präsidenten (ein zaundürrer, heroinsüchtiger Exzentriker, was sonst?) im Büro des Privatdetektivs auf und betraut ihn mit einer ganz besonderen Mission: Er soll die „Geheime Verfassung“ der USA finden, ein Dokument, das von den Gründervätern für den Fall verfaßt wurde, daß die Moral der amerikanischen Bürger den Bach runtergehen sollte. Und das ist im Amerika des beginnenden 21. Jahrhunderts mit Sicherheit der Fall …

Warren Ellis´Romandebüt ist all das, was seine langjährigen Fans von ihm erwartet haben: genüßlich pervers, unglaublich witzig, zynisch und idealistisch zugleich, voller Überraschungen und nie „gesehener“ Bilder – kurz und gut: ein Buch, das sich als Krimi tarnt und dabei eine subversive Bewußtseinsbombe losläßt. In der zweiten Hälfte schwächelt „Crooked Little Vein“ zwar ein wenig; aber das mag daran liegen, daß man vom „information overload“ des ersten Teils halbbetäubt ist und trotzdem nicht zu lesen aufhören kann …

Auf 280 Seiten läßt Ellis alles raus, was ihm bei seinen jahrelangen Recherchen in den dunklen Ecken des Internet untergekommen ist – und das in einem Stil, der gleichzeitig den klassischen Noir-Krimi parodiert, sich aber andererseits durch satirische Meisterleistungen auf jeder Seite, Kurzkapitel mit lakonischen letzten Sätzen und die großartigen Dialoge auszeichnet, mit denen er in der Comics-Branche berühmt geworden ist.

Quelle: http://www.evolver.at/stories/Warren_Ellis__Noir_Comics_01/

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